Marken in der Amazon Falle – am Beispiel Sportscheck

Dilemma der Marken: Verkaufen an Marktplätze oder Verkaufen auf Marktplätzen?

Als ich gestern im Blog der Otto Gruppe gelesen hatte, dass Sportscheck Marktplatz werden will, …

„Zum Beispiel könnte fahrrad.de künftig auf dieser Plattform Ware verkaufen, ähnlich wie sie es derzeit auf Amazon machen.“

… kam mir gleich die Amazon-Falle in den Sinn, die zuschlägt, wenn der Marktplatzbetreiber gleichzeitig Wettbewerber ist.

Alexander Graf hat diese Zusammenhänge bzgl. Amazon kürzlich auf Kassenzone ausführlich diskutiert: Wie sieht die beste (Hersteller-) Strategie für & mit Amazon aus?

Allerdings sind Marktplätze aus Sicht der Verbraucher sehr interessant – je größer, desto besser:

Je mehr unterschiedliche Marken ich über eine Plattform beziehen kann, desto besser: ich gebe meine persönlichen Daten nur einmal an, vereinbare einmalig die Zahlungsmodalitäten, und gut ist …

Und die Reichweite von Sportscheck kann sich sehen lassen: Nach eigenen Angaben hat SportScheck 1,1 Millionen Kunden im Versandhandel und der Online-Shop wird jährlich 52 Millionen mal angeklickt.

Sportscheck Screenshot vom 03.06.2014, Rainer Helmes
Screenshot vom 03.06.2014

Alexa.com gibt den ‚Alexa-Rank‘ (s. Fußnote) für Deutschland mit 824 an.

Sportscheck Alexa Screenshot vom 03.06.2014, Rainer Helmes
Screenshot vom 03.06.2014

Zum Vergleich und zur Einordnung der heutige ‚Alexa-Rank‘ einiger
zufällig ausgewählter Marktplätze

sowie zufällig ausgewählter Sport- und Outdoor-Marken

und – weil im o.g. Zitat erwähnt – von

Für alle Marken heißt das – ganz Allgemein und völlig losgelöst von den gen. Beispielen -, sie müssen sich zukünftig ganz genau überlegen, an wen sie verkaufen; ohne eigene Verkaufsinfrastruktur und B2C-Strategie wird es zunehmend schwerer, sich aus der Marktplatz-Abhängigkeit zu befreien.

Und für Händler ist es eine gute Idee, selbst Markenhersteller zu werden.

Rainer Helmes

—-
[ Fußnote

Der Alexa-Rank sollte nicht überbewertet werden, aufschlussreich ist allerdings die Auswertung der Veränderungen über einen längeren Zeitraum; aber das soll hier nicht Thema sein.

‚Alexa-Rank‘ Definition im Original: Traffic Rank in Country
An estimate of this site’s popularity in a specific country.

The rank by country is calculated using a combination of average daily visitors to this site and pageviews on this site from users from that country over the past month. The site with the highest combination of visitors and pageviews is ranked #1 in that country.

Updated Daily]

Können Marktplätze den lokalen Handel retten?

Diese Überschrift habe ich von etailment geklaut

und ich möchte ergänzen:

Können Marktplätze den lokalen Handel und den Online Handel retten?

Aus meiner Sicht: ein klares Jein.

Nein, denn die derzeitigen Modelle belasten die kleinen Händler überproportional.

Ja, nur Marktplätze ermöglichen das wirtschaftliche Überleben kleinerer Anbieter – oder sagen wir für Marktplatz besser Kooperation von selbständigen Handelspartnern, die Backoffice-Prozesse via Internet und Schnittstellen-Software verbinden und somit die eigenen (Fix-)Kosten drastisch senken

[Einschub: als Backoffice bzw. Backoffice-Prozesse bezeichne ich solche Tätigkeiten und Abläufe, die nicht unmittelbar zum Kerngeschäft des Unternehmens zählen, aber dennoch maßgeblich zum Erfolg beitragen.]

Danke Klaus Janke für den interessanten Artikel und Hagen Fisbeck für den ausführlichen Kommentar, es wird höchste Zeit für die Diskussion.

Dass sich gerade vier Zeitungsverlage an Simply Local beteiligen, untermauert meine These, dass auch die Medien-Welt und der E-Commerce zusammenwachsen.

Fakt ist, dass viele kleine Händler – sowohl stationäre als auch reine Online-Händler – in irgendeiner Form kooperieren müssen, da sie alleine wirtschaftlich nicht überleben können.

Eine Shop-Seite ist schnell gebaut und online gestellt – aber damit alleine funktioniert der Online-Handel heute nicht mehr. Die Kosten für das Backoffice und das Marketing werden gerne unterschätzt. Auch funktioniert „Pure-Online“ nicht ohne ein stationäres Warenlager mit ausgeklügelter Logistik.

Das Streckengeschäft – oder Dropshipping – ist keine Alternative, denn es funktioniert in der Praxis eher nicht, da es i.d.R. keine klaren Absprachen bzw. keine verbindlichen Vereinbarungen mit Lieferanten und Herstellern gibt … (was passiert im Falle des Widerrufs mit der Ware?, Lieferanten halten zugesagte Lieferzeiten nicht ein, Lieferanten/Hersteller informieren nicht oder nicht rechtzeitig, wenn Produktreihen eingestellt bzw. geändert werden usw. usf. … als kleiner Online Händler haben wir da so einiges erlebt.)

Dennoch: Allein die Tatsache, dass immer mehr Marktplatz-Modelle entstehen, zeigt dass ein Bedarf besteht.

Etailment-Autor Klaus Janke fasst es so zusammen:

„Das Charmante an vielen Marktplatz-Modellen: Sie verbinden die E-Commerce- und die stationäre, statt sie gegeneinander auszuspielen.“

Richtig. Genau das muss das Ziel sein.

Denn so wie die Ketten die Tante-Emma-Läden verdrängt haben, verdrängen große „Pure Player“ die kleinen Online-Händler.

Es gibt bereits heute viele interessante Ideen und Kooperationsmodelle – vieles wird auch in dem gen. Artikel angesprochen. Man muss es nur machen. Vor diesem Schritt schrecken immer noch viele Hersteller und Händler zurück.

Die neun Kritikpunkte von Hagen Fisbeck kann ich alle gut nachvollziehen, und ich stimme diesen im Großen und Ganzen zu; allerdings darf das keine Ausrede für ein „Weiter so“ sein.
Im Gegenteil: es müssen Lösungen für die gen. Herausforderungen gesucht und gefunden werden …

Zu Punkt 1 des Kommentars: Dass die Digitalisierung nicht vor dem stationären Einzelhändler halt macht, ist ein offenes Geheimnis. Das kann man nun gut finden – oder auch beklagen: auch der stationäre Einzelhändler kommt nicht umhin, sich diesbezügliche Kompetenz zu erarbeiten oder einzukaufen, wenn er im Wettbewerb bestehen will.

Rainer Helmes